Mahlers „Lied von der Erde“ zum Dahinschmelzen: Abbado mit Kaufmann und von Otter in der Philharmonie

19. Mai 2011

Wenn sich Claudio Abbado zum Gastspiel mit seinen Berliner Philharmonikern in die Hauptstadt begibt, dann soll sich dies auch lohnen. So kam es zu diesem noch in letzter Minute eingeschobenen Sonderkonzert der Extraklasse. Bei Preisen von bis zu 220 Euro wurden mit dem erst vier Tage zuvor an der New Yorker Met als Siegmund aufgetretenen Startenor Jonas Kaufmann und Mezzosopran Anne Sofie von Otter zwei Kultnamen der Klassikszene aufgerufen, um Abbado vom Feinsten zu produzieren. Und das heißt, pünktlich zum 100. Todestag von Gustav Mahler, dessen geniales „Lied von Erde“ (siehe: Inhalt: Das Lied von der Erde, Text: Text: Das Lied von der Erde) in der Berliner Philharmonie aufzuführen und das Konzert auf DVD zu bannen.

Abbado eröffnete das Konzert mit dem Orchester-Fragment von Mahlers unvollendeter 10. Symphonie und liefert einen genialen Blick in die Seele dieses begnadeten Komponisten. Kaum ein Werk Mahlers ist persönlicher als sein „Lied von der Erde“, in dem er zu einer reduziert-melancholischen, sinntiefen Orchestrierung greift. Abbado gibt diesem Sinnieren Raum und kontrastreiche Tiefe, so dass man es sich kaum besser wünschen könnte. 

Jonas Kaufmann benötigt im schweren „Trinklied vom Jammer der Erde“ einige Takte, um sich warm zu singen und die Stimme strömen zu lassen, steigert sich dann aber schon zum Ende des Liedes zu heldentenoral-fein differenzierten Klangfarben. Sein leidenschaftlicher, stets gut beherrschter und expressiver Tenor macht Mahlers „Lied von der Erde“ zu einem gesanglichen Klanggenuss allererster Güte.

Gleiches gilt für Anne Sofie von Otter, was Ausdruck und Interpretationskraft ihrer Mezzopartie angeht. Besonders den „Abschied“ gestaltet sie mit betörendem, klangberauschenden Schmelz. Beschränkt ist ihre stimmliche Bandbreite allerdings in den hohen und tiefen Lagen. Diese Defizite versteht sie gekonnt mit ihren reichen Gestaltungsmitteln wettzumachen, auch wenn im Ganzen Virtuosität und Expressivität ihrer Interpretation im Schatten Kaufmanns bleiben.

Alles in Allem ein unvergesslicher Abend, der bald auch auf DVD nachzuerleben sein wird. Lange stehende Ovationen für Orchester, Mahler-Klangzauberer Abbado und das hochkarätige Sängerpaar des Abends.

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