Die Deutsche Oper glänzt – Adriana Lecouvreur mit Angela Gheorghiu und Jonas Kaufmann

2. Oktober 2010

Es gibt die seltsamsten Arten wie Menschen in der Oper zur Strecke gebracht werden: Mord durch Verbrennen, Tod in Armut und Kälte, Vergiften, Erdolchen, Strangulieren, Selbstmord durch die eigenen Imagination. In diese Liste der Kuriositäten reiht sich die heute noch einzige wirklich bekannte Oper Adriana Lecouvreur des italienischen Komponisten Francesco Cilea ein – hier stirbt die Titelfigur durch den vergifteten Blumenstrauß ihrer Rivalin, der Fürstin von Bouillon (siehe auch: http://de.wikipedia.org/wiki/Adriana_Lecouvreur). Die Oper über Liebe, Eifersucht, Hass und Misstrauen bettet ein stellenweise sehr seichtes Libretto in eine samtig-lyrische Partitur – eine Kombination, die sich nach einer großen interpretatorischen Ausgestaltung sehnt. Hier lässt die Deutsche Oper in ihrer konzertanten Premiere mit Starbesetzung keine Wünsche offen.

Da ist zunächst Jonas Kaufmann. Es ist die Geschichte eines lyrisch-beseelten Tenors, der sich nach einer kaum beachteten Ochsentour an kleineren Häusern wie Saarbrücken und Stationen in Paris und Brüssel schlagartig einen Platz in den ganz großen Opernhäusern erarbeitet hat. Und schon wird er als “der beste Tenor der Welt” (BZ vom 02.10.10) gehandelt. Dabei füllt er ein Vakuum. Jenes Vakuum, an dessen Anfang Abende wie die der Drei Tenöre 1990 in den römischen Caracalla Thermen zur Fußballweltmeisterschaft standen. Das Label “Weltspitze Klassikstimmen” wurde hier gegründet und bedient seitdem eifrigst die CD-Regale zwischen klassischen Opern-Gesamtaufnahmen und Helmut Lotti, füllt Opernhäuser, Konzertsäle wie Sportstadien. Den Zepterstab vom letzten Klassik-Dreigestirn Plácido Domingo, Rolando Villázon und Anna Netrebko zu übernehmen macht dem klugen Jonas Kaufmann einerseits sichtbar Freude, andererseits füllt er die Rolle auch mit etwas, was den wirklich großen Künstler ausmacht: er füllt sie mit seiner ganz eigenen Note. Da ist diese schlanke, einnehmende äußere Physis, die im ersten Moment so gar nicht zu der baritonalen Klangfarbe seines lyrischen Tenors passt. Eine Stimme mit fein ausgearbeiteter Gesangslinie und einem Kern im dahinschmelzenden Piano, aber auch Drang zum Volumen, zum Heldischen und zur großen Geste. Ein darstellerisches Bühnenereignis und eine Stimme fürs Tonstudio. Ein Phänomen mit Sollbruchstellen und die machen ihn interessant. Auch er ist Gefahren ausgesetzt, die in seinem letzten Ausflug ins Wagnerfach, als Lohengrin in Bayreuth, deutlich wurden, als nicht mehr alle Töne so gleißend flossen, Piano-Momente überbetont wurden, um forciert-angestrengte Stellen im Gesamtbild auszugleichen. Er wird seinen einzigartigen Weg weitergehen, suchen und probieren müssen; Kategorien wie “weltbester Sänger” nützen ihm da wenig – auch wenn er als Maurizio diesem Titel wahrscheinlich sehr nahe kommt. Die Partie ist ideal für seine Stimme: von Grund auf lyrisch, mit viel Möglichkeit zur Gestaltungsvielfalt, darstellerisch wie stimmlich. Wie Caruso das wohl ausgefüllt hat? denkt man unwillkürlich und vermisst dabei dennoch nichts: ein raffiniertes Piano, Eleganz und Leidenschaft. Der Punkt springt über, ergänzt und beseelt symbiotisch die unvergleichlich sinnlich-vollendete Adriana der großen Angela Gheorghiu. Keiner entspricht dem Ideal dieser Rolle heute wohl so sehr wie rumänische Diva. Auch wenn wir nicht an ein Volumen und Bühnentemperament einer Calles denken dürfen, so strahlt Gheorghiu in jeder Sekunden Eleganz aus, stimmlich wie darstellerisch. Zum wichtigsten Utensil wird ihr dabei das Dirigentengeländer, an dem sie fast so inbrünstig hängt wie an Bühnen-Liebhaber Kaufmann. Große Geste, kontrollierter Pathos, perfekte Rollenidentität. Man würde sich kein Bühnenbild in dieser konzertanten Aufführung wünschen, welches von diesen Eindrücken ablenken könnte.

Auch der Rest des Ensembles ist außerordentlich, allen voran der heimliche dritte Star des Abends Anna Smirnova als Fürstin von Bouillon. Seit Gabriele Schnaut hat man in der Bismarckstraße keine solche Mezzo-Wucht mehr durch den Raum stoßen hören, und dazu noch eine so ausbalancierte und klangvollendete. Ihr Auftritt im zweiten Akt und die Auseinandersetzung mit Adriana im dritten Akt werden zu zwei der vielen Höhepunkte des Abends. Wuchtig-volltönend auch der Fürst des Stephen Bronk. Dazu der mehrfach ausgezeichnete Chor der Deutschen Oper, der in der konzertanten Opernfassung geschlossen auf den Punkt singt, aus dem ein leuchtender Sopran hervorsticht. Das Orchester unter Marco Armiliato trägt die Sänger lebhaft-beschwingt, ohne am vollen Klangrausch Abstriche zu machen, tritt aber zuweilen in den Schatten der übermächtigen gesanglichen Darstellung. Das Publikum dankt mit euphorischem Beifall und Standing Ovations. Keine Caracalla Thermen, aber einer der selten geworden Abende, an denen er wieder da ist: jener Glanz, den sich der Liebhaber ersehnt – der Glanz, der der Vollkommenheit entgegenstrebt.

Die Hauptfiguren in der Mitte waren auch mal privat ein Paar: Kaufmann und Gheorghiu mit dem Ensemble am 02.10.2010

Schlussapplaus bei Standing Ovations

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2 Reaktionen zu “Die Deutsche Oper glänzt – Adriana Lecouvreur mit Angela Gheorghiu und Jonas Kaufmann”

  1. stacyam 16. November 2010 um 00:08 Uhr

    cool

  2. Prostate Cancer Symptomsam 11. Dezember 2010 um 12:04 Uhr

    this post is very usefull thx!

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